Es ist etwa 9 Uhr, als ich aus den Federn krieche. Als ich WC- und Duschzimmer betrete möchte, merke ich, dass kein Strom da ist. Wie lange dem schon so ist, kann ich nicht sagen. Ich checke den Kühlschrank, doch dort scheint alles noch ganz kalt zu sein. Nachdem ich die restlichen Krisprolls mit Butter und Tartina ihrem Schicksal zugeführt habe, hänge ich am Ständer auf dem Balkon noch Lenas Wäsche auf, die seit ihrer Abfahrt am Samstag in der Küche im Wasser eingelegt dasteht.
Nun via Ndokoti zu Photo Golden. Ich zahle zweimal zweihundert. Dafür geht’s auch ziemlich schnell. An der Schule dann erkundige ich mich bald nach dem Stundenplan. Der eine Mann aus dem Sekretariat meint, ich müsse mich an die Verhältnisse hier gewöhnen. Der Stundenplan sei schon unterwegs, ich soll einfach warten bis die zuständigen Personen dies für ich getan haben, mir nicht den Kopf zerbrechen und die Zeit anderweitig gescheit nutzen. Dies hab ich nun auch vor. Ich würde gerne die Stoffpläne drucken, die detaillierten, damit ich ein paar Grundlagen für Kommentare habe, wenn ich den Schülern in der ersten Stunde dann den Jahresplan präsentieren werde. Doch so einfach klappt das nicht mit dem Ausdruck. Zwar hab ich meinen Stick mit den Daten dabei. Doch für einen Ausdruck braucht es schon mal das Ok (le mot) des Vice-Principal. Ich gelange also zu ihm, wo ich als erstes für ihn zwei Personalienblätter, so eine Art Eintrittfragebogen ausfülle. Nicht für sein Ok, sondern lediglich für die Personalkontrolle. Sein Ok bekomme ich, er kommt auch mit zum Schulsekretariat, doch dort ist die zuständige Sekretärin nicht da. Er bittet mich zu warten, während er die zuständige Sekretärin sucht. Es dauert und dauert. Nach fast einer Stunde wird es mir zu bunt und schon will ich aufstehen und gehen. Just in diesem Moment kommt der Vice-Principal zurück und erkundigt sich nach dem Stand und ob die zuständige Sekretärin schon zurückgekommen sei. Er hat mich tatsächlich nicht vergessen, was mich wirklich staunen lässt. Doch mein Anliegen ist immer noch nicht gelöst. Auf Geheiss des Vorgesetzten lässt man jetzt mal einen Computer hochfahren. Problem ist eben: Nur die absente Sekretärin kann sich einloggen und dann ausdrucken.
Ich beschliesse nun, nicht länger hier im Sekretariat zu warten und später zurück zu kehren. Ich möchte die gestern getätigten Stichwörter zu den letzten Tagen in digitale Text umformen können. Zu diesem Zweck versuch ich’s vorerst beim Computer-Räumchen neben dem Lehrerzimmer. Am liebsten wäre mir der Ubuntu-Compi gewesen. Doch der ist schon besetzt, also wähle ich einen Windows-Compi daneben. Mein Stick wird allerding nicht angezeigt. Der mit mir im Raum arbeitende Lehrer erklärt: Die USB-Steckplätze sind grundsätzlich gesperrt, aus Angst vor Viren. Wenn ich sie benutzen möchte, solle ich mich am Besten an Cyprien von der Informatik wenden, er könne mir die Steckplätze frei schalten.
Also, neue Anpeilstation: Informatikbereich. Hier ist Cyprien so nett, mir eins von den vielen ThinkPads, welche die Schule offensichtlich gekauft oder geschenkt bekommen hat, zur Verfügung zu stellen, so dass ich zumindest mal aufm Compi mit USB-Steckplatz tippen kann. So schreib ich denn den vergangenen Mittwoch und Donnerstag mit einem ThinkPad im Informatiksaal. Neben mir kommen und gehen immer mal wieder andere Lehrer, die sich ein ThinkPad geben lassen oder sich bei Cyprien oder Michel darüber informieren möchten. Mein USB-Stick wird aber nicht angezeigt. Offenbar ist er im Mac-Format formatiert, welches Windows-Computer nicht lesen können. Das mit dem Drucken hätte also eh nicht so einfach geklappt. Nun habe ich das Problem, den geschriebenen Text nicht so einfach nach Hause nehmen zu können. Natürlich, ich könnte meinen Stick formatieren, doch dann sind darauf die Daten weg, die ich ja ausdrucken wollte. Michel ist daran, das Internet, welches der eine Server via eingebauter Modemkarte empfängt, via Router zur Verfügung zu stellen, doch die Konfigurierung dauert länger als angenommen. Und zwischendurch werde ich auch Zeuge einer eindringlichen Beratung Michels einer Schülerin, die Probleme mit Mathematik hat. Er legt ihr stark ans Herz, diszipliniert die Hausaufgaben zu machen und nicht abzulassen, dafür zu lernen. Schliesslich kann mein Problem gelöst werden. Es ist Cyprien, welcher mir erneut hilf, indem er meine Texte via anderem Stick auf seinen Laptop hievt, welcher bereits mit dem Internet verbunden ist und von wo aus er mir die ganze Geschichte von seinem Mailaccount im Browser per E-Mail schickt.
Es ist Zeit für mich zu gehen. Marie ruft mich an, sie möchte gerne Skypen heute Abend. Falls es Strom hat, kein Problem, geb ich zur Antwort. Wieder via Ndokoti und zwei Taxis gelange ich heim, um dann feststellen zu müssen, dass die Elektrizität noch nicht zurückgekehrt ist. Mal bei Nathalie, meiner einen Nachbarin und Schwester unserer Vermieterin, nachfragen, ob sie das Problem auch hätten.
Tatsächlich gibt es nicht nur bei mir keinen Strom mehr, sondern im ganzen Quartier. Dafür lerne ich jetzt ihre Familie im Vorhof kennen: Fréderic, der älteste, ein lauter Junge, leicht sprachbehindert, ist sofort anhänglich. Die zweite, Anna-Marie oder einfach nur Anna, wagt sich vorerst nicht all zu nahe an mich ran, nur dann aber plötzlich und ohne Vorwarnung einfach auf meinen Schoss zu klettern und an mir herum zu turnen. Und dann ist da noch die jüngste Tochter, Jasmina, welche noch etwas unbeholfen geht und mich mit grossen Augen mustert. Wir sitzen also im Vorhof, ich spiele etwas mit den beiden älteren Kindern und versuche gleichzeitig, mich ein wenig mit Nathalie austauschen zu können. Dann pfeife ich den Kindern etwas mit meinen beiden Händen vor, was Frédéric dazu bringt, seine Flöte hervor zu holen. Als ich diese auch ausprobieren darf, sind die Kinder nicht mehr zu bremsen. Zu schweizerischen und irischen Melodien, die ich auf der Flöte wiedergeben, tanzen sie im Vorhof umher und wollen immer noch mehr und auf keinen Fall, dass ich aufhöre. Es tut gut, endlich wieder mal etwas Musik machen und dabei noch Menschen zum tanzen bewegen zu können.
Ich bin wieder bei mir zu Hause, mittlerweile ist es dunkel geworden. Lena sollte erst so gegen halb zehn kommen. Bis dahin mach ich mir ein feines Znacht (Maniok-Couscous), irre etwas umher (Wasser holen, Kerzenständer suchen, den es aber schliesslich nicht gibt) und nehm dann noch ne Dusche. Kurz nachdem Lena angekommen ist hält auch der Strom wieder Einzug bei uns. Man erzählt sich die vergangenen Tag in Kurzfassungen. Offenbar haben sie, also Lena und Hanna, ziemlich viele Ecken von Kamerun besucht. Das Reisen war aber auch gerade mal das Spannendste. Häufig wurden sie, weil Volontärinnen, einfach vergessen oder auf ein Abstellgleis gestellt. Das war scheinbar ziemlich ärgerlich und zermürbend.