Dass das mit Benutzername und Passwort nicht funktioniert, lässt mich nicht in Ruhe. Gleich nach der Morgendusche versuche ich deshalb weiter, mich einloggen zu können. Habe ich gestern noch die ganze Zeit vergeblich versucht, das Passwort zu modifizieren, weil z.T. vielleicht die Nulls auch als Oos interpretiert werden können, so versuche ich es jetzt mit leichter Veränderung des Benutzernamens. Tatsächlich ist der Fehler hier: Statt …à…, wie Armelle mir geschrieben hat, geb ich …@… ein und damit klappt’s, ich gelange in den Kundenbereich. Mit dem Modem haben wir gleichzeitig noch gratis eine Karte für einen Monat Internetbenutzung bekommen. Den Code dieser Karte geb’ ich jetzt im Kundenbereich an der entsprechenden Stelle ein, was uns dann eine Freischaltung des Internets für einen Monat bescheren sollte. Nach getaner Arbeit habe ich zuerst zwar wie vorher nur Zugriff auf die Seite von YooMee, doch nach einem Neustart des Modems ist auch das behoben. Damit können wir jetzt einen Monat lang Internet benützen. Für danach können wir dann entweder Karten für eine bestimmte Anzahl Minuten kaufen oder dann jeweils die unbegrenzte Karte für jeweils einen Monat, welche 35’000 CFA kostet. Nach diesem Modell ist daher das Internet ganz flexibel nutzbar, was ideal für unsere Bedürfnisse ist.
Als erstes schreib ich gleich ein Gratis-SMS an Daniela, damit wir heute abend skypen können. Anschliessend installiere ich mir einige für Unterricht und Sprachen-lernen nützliche Programme aus dem Netz. Vor dem Abflug noch in der Schweiz hatte ich dafür keine Zeit mehr. Auch für die Schule arbeite ich etwas vor und notiere mir einmal den Stoffplan auf Papier, da ich ja noch keinen Ausdruck davon habe und dann nächste Woche den Schülern als erstes die Jahresübersicht präsentieren werde.
Zwischendurch schneide ich mir die übrig gebliebene Ananas auf. Höchste Zeit, dass man die isst, länger hätte man nicht mehr warten sollen. Ausserdem gibt’s noch die restlichen Krisprolls mit Butter und Tartina.
Mir kommt in den Sinn, dass heute ja noch das Geburtstagsfest von Michaël ist. Also ein SMS an Marie, da sie ja auch dahin kommen wird. Just in diesem Moment klingelt mein Telefon: Marie ist’s wegen dem Fest. Manchmal hat man echt das Gefühl, dass es sowas ähnliches wie Telepathie geben muss. Item. Küche aufräumen, abwaschen und putzen.
Endlich kommt mir ein passendes Geschenk für Michaël in den Sinn: Einen USB-Stick. Mit diesen in der Hosentasche geht’s nun zuerst zur Marie, wo wir unsere Geschenke einpacken. Sie hat ihm eine Uhr gekauft. Das Geschenkpapier ist nicht ausgesprochen edel, nämlich einfach gewöhnliches Papier, aber immerhin schön beschrieben und verziert. Dann geht’s an die Party.
Ich war ja schon einmal bei der Familie Tagne und weiss wie gross die Stube ist. Marie hat Michaël gesagt, dass etwa fünfzig Leute kommen sollten. Das konnte ich mir bei der Stubengrösse schwer vorstellen. Nun ist’s aber tatsächlich so, und der grösster Teil der Gäste hat sogar eine Sitzgelegenheit. Wirklich erstaunlich, wie viele Leute in so einen Raum reinpassen. Man muss nur einfach Stuhl an Stuhl reihen und die Durchgänge eng halten.
Nach kurzem Plaudern und Spielen mit dem einen kleinen Bruder von Michaël erscheint plötzlich so etwas wie der Moderator auf dem Plan. Er hält zuerst eine kurze Rede, bevor er das Wort an den Herrn des Hauses, also Michaëls Vater weitergibt. Es fällt schnell auf: Alle Anwesenden sind äusserst fromm und gottesfürchtig, immer wieder betonen die Redner ihre Jesus-Gefolgschaft und offenbaren ihr Glaubensbekenntnis. Für Marie ist’s nicht ganz so einfach, dem Gesagten zu folgen. Ich dagegen habe für einmal kaum Mühe, was irgendwie noch ganz spannend ist. Vielleicht ist’s wegen der prophetischen Art und Weise der Rede, die nicht all zu schnell ist und mir besser vertraute Wörter verwendet.
Nach und nach kommen noch andere Darbietungen zum Zuge: Jemand, der seine Geschichte erzählt, und erläutert, was seit seiner Ausrichtung auf Gott alles anders ist. Ein anderer fragt immer wieder in die Runde, was der Grund oder besser der Sinn des eigenen Lebens ist. Marie wird auch gefragt, ich werde verschont, obwohl ich für mich eine gute Antwort gehabt hätte.
Weitaus interessanter find ich die musikalischen Beiträge: Den anderen Anwesenden bekannte und weniger bekannte, christliche Lieder, begleitet mit einer oder zwei Guitaren. D.h. Es wird zum Teil mitgesungen, z.T. auch einfach das Dargebotene genossen.
Wieder etwas später kommt Michaël in den Mittelpunkt und wird Fragen aus der Runde ausgesetzt. Dabei wird suggeriert, dass jetzt der Zeitpunkt für uns Anwesenden sei, ihn besser kennenlernen zu können. Tatsächlich aber scheint es mehr so zu sein, dass Michaël vor seinem engeren Kreis Rechenschaft über seine Glaubensbekenntnisse abgeben muss. Sozusagen religiöser Seelenstrip.
Etwas ungemütlich wird’s Marie uns mir gegen Ende, als jeder ein Stück Papier bekommt, wo Fragen der folgenden Art drauf sind: Ist Jesus die wichtigste Person in deinem Leben? Falls ja, seit wann? Möchtest du mehr über deine Beziehung zu Jesus erfahren? Gib uns doch deine E-Mail und deine Telefonnummer an. What? Kundenfang? Marie und ich füllen’s irgendwie aus, mit Pseudoantworten. Als Kontaktangaben kriegen sie einfach die E-Mail.
Danach gibt’s für alle ein Buffet. Als Vegetarier hab ich nicht so eine grosse Auswahl, was mich aber nicht gross stört. Michaël entschuldigt sich bei mir für die kleine Auswahl. Er ist wirklich sehr aufmerksam und hat sich schon länger eingeprägt, dass ich Vegi bin. So gibt’s für mich einfach Miondo und gebratene Kochbananen. Trinken lass ich lieber sein. Aber die Gastgeber verstehen das gut.
Nach dem Essen wird die Stube freigeräumt für Tanz. Ich wäre gerne noch etwas geblieben, möchte aber nicht zu spät zu Hause sein, damit ich genügend Zeit habe, noch mit Daniela zu skypen. Also verabschiede ich mich herzlich und bedanke mich für die tolle Gastfreundschaft. Nach etwas spazieren, Taxi und wieder bummeln bin ich zu Hause und kann endlich das erste Mal mit meiner Herzallerliebsten kommunizieren.